Chainalysis verklagt die US-Regierung wegen eines 94,66-Millionen-Dollar-Vertrags von ICE mit TRM Labs

Chainalysis hat Klage gegen die US-Regierung eingereicht und ficht damit die Entscheidung der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) an, dem Wettbewerber TRM Labs einen Blockchain-Analysevertrag im Wert von 94,66 Millionen US-Dollar ohne ein vollständiges und offenes Vergabeverfahren zu erteilen.

Das Unternehmen behauptet, dass potenzielle Anbieter anhand von Kriterien bewertet wurden, die im offiziellen Anforderungsdokument nicht vollständig offengelegt waren. Nach Ansicht von Chainalysis könnten einige Bedingungen der Ausschreibung eng mit bereits bestehenden Produkten und kommerziellen Partnerschaften von TRM Labs übereingestimmt haben.

Chainalysis kritisiert außerdem den Ablauf des Vergabeverfahrens selbst. Alternativen Anbietern wurden lediglich drei Tage eingeräumt, um eine Antwort vorzubereiten, wobei die Beschreibung ihrer Fähigkeiten auf eine einzige Seite beschränkt war.

Chainalysis ficht einen bedeutenden Vertrag mit TRM Labs an

Der Vertrag sieht vor, dass TRM Labs ICE spezialisierte Software für Blockchain-Ermittlungen sowie damit verbundene technische Unterstützung bereitstellt. Nach Angaben aus Bundesunterlagen läuft die Vereinbarung vom 1. Juli 2026 bis zum 30. Juni 2027.

Chainalysis bezeichnet den Vertrag als den bislang größten Blockchain-Analyseauftrag, der jemals von der US-Regierung vergeben wurde. Das Unternehmen ist der Ansicht, dass ICE das Beschaffungsverfahren so gestaltet haben könnte, dass die bereits vorhandene Infrastruktur von TRM gegenüber möglichen Wettbewerbern einen Vorteil erhielt.

Der zentrale Streitpunkt betrifft die Unterschiede zwischen einer im Mai von ICE veröffentlichten Informationsanfrage und einem späteren Dokument, in dem die endgültigen Anforderungen der Behörde beschrieben wurden.

Am 28. Mai veröffentlichte ICE eine Anfrage mit 18 Fragen zu den technischen Fähigkeiten potenzieller Anbieter. Die Unternehmen hatten bis zum 2. Juni Zeit, ihre Antworten einzureichen.

ICE verlangte hochspezialisierte Fähigkeiten

In der ursprünglichen Anfrage wollte die Behörde wissen, ob Anbieter über mehrere sehr spezifische Technologien und Ressourcen verfügten.

Unter anderem fragte ICE, ob Unternehmen eine eigene Datenbank mit mehr als einer Million Meldungen von Betrugsopfern besitzen, eine auf künstlicher Intelligenz basierende Ermittlungsplattform betreiben und die Bewegung verdächtiger Kryptowährungen automatisch verfolgen können.

Weitere Anforderungen betrafen die automatische Benachrichtigung von Anbietern virtueller Vermögenswerte, wenn markierte Gelder weitertransferiert werden, sowie Mechanismen, die es diesen Plattformen ermöglichen, Vermögenswerte freiwillig zurückzuhalten, ohne dass für jeden einzelnen Fall eine separate menschliche Koordination erforderlich ist.

ICE interessierte sich zudem für operative Partnerschaften mit Stablecoin-Emittenten, die zur Koordinierung von Vermögenssperren mit internationalen Strafverfolgungsbehörden genutzt werden könnten.

Im Dokument selbst wurde jedoch darauf hingewiesen, dass die Anfrage ausschließlich der Marktforschung und der Planung einer zukünftigen Beschaffung dienen sollte und keine formelle Ausschreibung darstellte.

Wettbewerber erhielten nur drei Tage Zeit

Am 8. Juni kündigte ICE an, den Vertrag direkt an TRM Labs vergeben zu wollen. Andere Unternehmen erhielten die Möglichkeit, diese Entscheidung anzufechten, indem sie nachwiesen, dass auch sie die Anforderungen der Behörde erfüllen könnten.

Potenzielle Wettbewerber erhielten jedoch nur drei Tage Zeit für ihre Antwort, und die Darstellung ihrer Fähigkeiten durfte lediglich eine Seite umfassen.

Nach Angaben von Chainalysis war das Unternehmen der einzige alternative Anbieter, der versuchte, die Einschätzung von ICE anzufechten.

Am 11. Juni reichte Chainalysis Government Solutions eine einseitige Erklärung ein, in der die Fähigkeiten der eigenen Plattform beschrieben wurden. Bereits am folgenden Tag schloss ICE seine Marktanalyse ab und kam zu dem Ergebnis, dass TRM Labs der einzige Anbieter sei, der alle operativen, technischen und datenbezogenen Anforderungen erfüllen könne.

Chainalysis behauptet, dass ICE vor dieser Entscheidung weder zusätzliche Erläuterungen angefordert noch Rückfragen gestellt habe.

Die endgültigen Anforderungen unterschieden sich von der ursprünglichen Anfrage

Nach Darstellung von Chainalysis wich die endgültige Bedarfserklärung von ICE deutlich von der im Mai veröffentlichten Informationsanfrage ab.

Das Dokument definierte drei breitere Aufgabenbereiche: Betrugsbekämpfung, Bekämpfung von Cyberkriminalität und Maßnahmen gegen erpresserische Aktivitäten.

ICE benötigte Werkzeuge für die KI-gestützte Priorisierung von Beschwerden, die Echtzeitprüfung betrügerischer Wallets, die Nachverfolgung und Wiederbeschaffung digitaler Vermögenswerte sowie die Erkennung von Infrastruktur im Zusammenhang mit Ransomware.

Viele der spezifischeren Anforderungen aus der ursprünglichen Informationsanfrage tauchten jedoch im endgültigen Dokument nicht mehr auf.

Chainalysis behauptet, dass ICE trotz dieser Auslassungen weiterhin die früheren und enger gefassten Kriterien verwendet habe, um zu bestimmen, ob ein alternativer Anbieter mit TRM Labs konkurrieren könne.

Chainalysis sieht einige Kriterien eng mit TRM-Produkten verbunden

In der Klage wird behauptet, dass bestimmte Anforderungen von ICE sehr eng mit bereits bestehender Infrastruktur von TRM Labs übereinstimmten.

Ein Beispiel ist ein Mechanismus zur automatischen Benachrichtigung von Kryptodienstleistern über die Bewegung markierter Gelder mit der Möglichkeit, diese Vermögenswerte anschließend freiwillig zurückzuhalten.

Chainalysis bringt diese Beschreibung mit der Architektur des TRM Beacon Network in Verbindung, einem systеm, das eine schnelle Koordination zwischen Strafverfolgungsbehörden, Kryptobörsen und anderen Marktteilnehmern ermöglichen soll.

Bei der Begründung für die Auswahl von TRM verwies ICE außerdem auf die eigene Datenbank des Unternehmens mit Meldungen von Betrugsopfern, die KI-basierte Ermittlungsplattform, automatisierte Mechanismen zum Umgang mit verdächtigen Vermögenswerten, Partnerschaften mit Stablecoin-Emittenten und qualifiziertes Personal.

Chainalysis bestreitet, dass all diese Fähigkeiten exklusiv TRM vorbehalten seien, und behauptet, dass einige davon potenziellen Wettbewerbern nicht einmal eindeutig als verbindliche Anforderungen mitgeteilt worden seien.

Chainalysis weist auf Widersprüche in den ICE-Anforderungen hin

Chainalysis hebt außerdem hervor, dass das Thema Erpressung in keiner der 18 Fragen der ursprünglichen Informationsanfrage erwähnt wurde. Später wurde die Bekämpfung von Erpressung jedoch zu einem der drei zentralen Aufgabenbereiche im endgültigen ICE-Dokument.

Das Unternehmen betrachtet diese Änderung als weiteren Hinweis darauf, dass die Anforderungen der Behörde während des Beschaffungsverfahrens verändert oder uneinheitlich angewendet wurden.

Nach Ansicht von Chainalysis wurden Anbieter praktisch anhand einer Kombination von Anforderungen aus zwei verschiedenen Dokumenten bewertet, ohne dass klar erklärt wurde, welche Kriterien tatsächlich verpflichtend waren.

Chainalysis räumt Unterschiede bei der eigenen Plattform ein

Gleichzeitig erkennt das Unternehmen an, dass seine Lösung keine exakte Kopie des von ICE beschriebenen Mechanismus für automatische Benachrichtigungen und freiwillige Vermögenssperren bietet.

Stattdessen legt Chainalysis nach eigenen Angaben größeren Wert auf eine vorherige Abstimmung mit Strafverfolgungsbehörden, bevor eine Kryptoplattform aufgefordert wird, Vermögenswerte einzufrieren oder zurückzuhalten.

Das Unternehmen ist der Ansicht, dass auch dieser Ansatz die wichtigsten Ziele von ICE wirksam erfüllen könnte. Gleichzeitig behauptet es, dass die Behörde diese Alternative nicht vollständig bewertet und nicht erklärt habe, warum sie als unzureichend angesehen wurde.

Darüber hinaus erklärt Chainalysis, dass es seine Datenbank mit Betrugsopfern hätte erweitern, zusätzliche automatisierte Benachrichtigungsfunktionen entwickeln und notwendige Partnerschaften aufbauen können, wenn ICE diese Fähigkeiten von Anfang an eindeutig als verpflichtende Anforderungen definiert hätte.

Chainalysis fordert ein vollständiges und offenes Vergabeverfahren

Zunächst versuchte das Unternehmen, die Entscheidung von ICE beim U.S. Government Accountability Office anzufechten. Der Protest wurde am 12. Juli eingereicht.

Nachdem ICE seine Begründung für die Auswahl eines einzigen Anbieters sowie den Bericht zur Marktanalyse vorgelegt hatte, zog Chainalysis den Protest am 21. Juli zurück und brachte den Streit vor den U.S. Court of Federal Claims.

Das Unternehmen fordert nun, die direkte Vergabe an TRM Labs für rechtswidrig zu erklären, die weitere Durchführung des Vertrags zu stoppen und ICE zu verpflichten, ein vollständiges und offenes Vergabeverfahren durchzuführen.

TRM Labs hat sich dem Gerichtsverfahren angeschlossen, um seinen Vertrag zu verteidigen. Bislang hat das Gericht noch keine Entscheidung über die inhaltlichen Vorwürfe von Chainalysis getroffen.

Die mündlichen Verhandlungen sind für den 2. September angesetzt. Der Ausgang des Verfahrens könnte nicht nur für Chainalysis und TRM Labs, sondern auch für den gesamten Markt staatlicher Blockchain-Analyseverträge von Bedeutung sein.

Warum der Streit für die Blockchain-Analysebranche wichtig ist

Blockchain-Analyseplattformen werden für Regierungen und Strafverfolgungsbehörden zu immer wichtigeren Werkzeugen. Sie werden eingesetzt, um Kryptowährungstransaktionen zu verfolgen, verdächtige Wallets zu analysieren und Betrug, Ransomware sowie andere Formen von Finanzkriminalität zu untersuchen.

Mit dem Wachstum digitaler Vermögenswerte werden staatliche Verträge in diesem Bereich größer und die technischen Anforderungen komplexer. Daher können Transparenz bei Vergabeverfahren und ein gleichberechtigter Zugang zu Informationen eine wichtige Rolle für den Wettbewerb im Markt spielen.

Der Streit zwischen Chainalysis und ICE geht somit weit über einen einzelnen Vertrag im Wert von 94,66 Millionen US-Dollar hinaus. Er wirft die grundsätzliche Frage auf, wie klar Behörden ihre technischen Anforderungen offenlegen müssen und ob Vergabekriterien unbeabsichtigt bereits bestehende Produkte eines bestimmten Anbieters bevorzugen können.

31.08.2026, 20:32
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