Analysten versuchen, die Ursachen des neuen „Krypto-Winters“ zu erklären.

Bild von Grok generiert

Anfang Februar 2026 erlebte Bitcoin seinen stärksten wöchentlichen Einbruch seit drei Jahren. Der Kurs fiel bis auf etwa
60 000 $ — rund die Hälfte der Rekordstände aus dem Herbst 2025. Wie häufig zu beobachten,
rutschte im Sog von Bitcoin auch der übrige Kryptomarkt ab.

Vor diesem Hintergrund suchten Investoren und Analysten nach Faktoren, die eine erneute „Abkühlung“ ausgelöst haben könnten, berichtet
The Wall Street Journal. Im Folgenden fünf der am häufigsten genannten Erklärungen — ausführlicher dargestellt.

1) „Neue glänzende Spielzeuge“: Kapital wandert in andere gehypte Risikomärkte

Kryptomärkte leben stark von Aufmerksamkeit. Wenn neue Hochrisiko-Instrumente entstehen, verlagern manche Trader und Spekulanten ihren Fokus dorthin,
wo die Bewegungen stärker sind und die Story frischer wirkt. In so einem Umfeld kann die Nachfrage nach Kryptoassets auch ohne einen einzelnen
dramatischen Auslöser nachlassen.

Als solche „neuen Spielzeuge“ werden häufig Prognosemärkte, KI-bezogene Aktien sowie
Futures auf Edelmetalle genannt. Die Mechanik dahinter ist relativ simpel:

  • Gleiche Zielgruppe. Viele Teilnehmer, die sonst Krypto handeln, wechseln problemlos in andere „Risk-on“-Segmente —
    sie suchen Volatilität, Liquidität und schnelle Positionswechsel.
  • Konkurrenz um Liquidität. Wenn mehrere Themen gleichzeitig „heiß“ sind, ist Kapital nicht unbegrenzt:
    ein Teil von Geld und Margin wird umgeschichtet, wodurch der Netto-Kaufdruck im Kryptomarkt sinken kann.
  • Neuheits-Effekt. Neue Märkte vermitteln das Gefühl eines „frühen Einstiegs“, während Krypto in solchen Phasen
    eher wie eine „schon gespielte“ Geschichte wirkt — besonders nach einer starken Rally, wenn anschließend Seitwärts- oder Abwärtsphasen folgen.

Das kann zu einem Marktregime führen, in dem ein stabiler Zufluss neuer Käufer fehlt — und ohne diesen Puffer drücken selbst
normale Verkäufe (vor allem mit Hebel) die Kurse stärker.

2) Zu viele Kryptoprodukte: „Papier-Exposure“ statt direktem Besitz

An der Wall Street und im traditionellen Finanzsystem ist die Zahl der Instrumente gestiegen, die Krypto-Exposure bieten, ohne dass man Coins
direkt halten muss: ETFs, Derivate, strukturierte Produkte und „Turnkey“-Lösungen für Anleger.

Das erhöht zwar nicht die Zahl der Coins im Umlauf, kann aber Wahrnehmung und Verhalten verändern:

  • Knappheit wirkt weniger einzigartig. Wenn Preis-Exposure per Klick über ein Vermittlerprodukt verfügbar ist,
    erscheint der Markt manchen Anlegern „konventioneller“ und weniger besonders als in Zeiten, in denen Kauf und Self-Custody üblich waren.
  • Derivate gewinnen an Gewicht. Mit wachsendem Futures- und Derivatehandel steigt der Einfluss typischer Mechaniken:
    Liquidationskaskaden, Margin-Anforderungen und scharfe Bewegungen bei dünner Liquidität — das kann Volatilität in beide Richtungen verstärken.
  • Echte Nachfrage ist schwerer zu lesen. Wenn ein spürbarer Teil der Nachfrage in Produkte fließt, die keine Wallets und
    On-Chain-Transfers erfordern, ändert sich die Flow-Struktur: In Stressphasen kann Verkaufsdruck schneller sichtbar werden als nachhaltige Spot-Käufe.

Die skeptische These lautet: Je mehr „Zwischenschichten“ zwischen Investor und Coin entstehen, desto weniger attraktiv wirkt Bitcoin als schlichtes
knappes Asset „in Reinform“.

3) Neuer Fed-Chef: Erwartungen an straffere Politik und einen stärkeren Dollar

Ein weiterer Faktor ist das Makro-Umfeld. Trumps Kandidat für den Vorsitz der Fed, Kevin Warsh, gilt häufig als Befürworter
einer strafferen Geldpolitik und eines starken Dollars, so das WSJ. Ein restriktiveres Regime belastet in der Regel alternative „Risk-on“-Assets,
zu denen auch Kryptowährungen zählen.

Warum:

  • Zinsen und Renditen konkurrieren mit Risiko. Steigen die Renditen vergleichsweise „sicherer“ Anlagen, bevorzugt ein Teil des Kapitals
    festverzinsliche Erträge statt volatiler Assets — besonders in unsicheren Zeiten.
  • Ein stärkerer Dollar drückt Alternativen. Bei Dollarstärke reduzieren Anleger oft Exposure in Assets, die als „Alternative“ oder „Hedge“ wahrgenommen werden.
  • Risikobereitschaft sinkt. Bei Erwartungen straffer Politik wird häufig Hebel reduziert, riskante Positionen werden abgebaut,
    und Portfolios werden defensiver aufgestellt.

Wichtiger Hinweis: Anleger erwarten von Warsh auch Zinssenkungen, die Märkte stützen könnten. Der Effekt ist also nicht linear —
entscheidend ist, was eingepreist ist und was tatsächlich passiert. Warsh hat sich zudem in der Vergangenheit positiv über Bitcoin geäußert
und angedeutet, dass der Preis ein Signal sein könne, ob Politiker „das Richtige tun“. Deshalb sehen manche nicht nur Risiken, sondern auch potenzielle Unterstützung,
falls die Politik weniger hart ausfällt als befürchtet.

4) Regulatorische Unsicherheit: Der Markt will klare Spielregeln

Regulierung ist ein zentraler Faktor dafür, ob große Finanzinstitute digitale Assets in Mainstream-Services integrieren.
2025 verabschiedeten die USA ein Stablecoin-Gesetz, den Genius Act, der einen Basisrahmen für fiat-gebundene Token setzt.
Nun wartet der Markt auf den Clarity Act, der ein umfassenderes Regelwerk für die gesamte Kryptoindustrie schaffen soll.

Laut WSJ stand der Kongress kurz vor einer Verabschiedung, doch der Prozess stockte wegen Konflikten zwischen Banken und Kryptobörsen. Solange Klarheit fehlt,
ergeben sich praktische Probleme:

  • Finanzunternehmen verschieben Produkte. Banken und börsennotierte Firmen brauchen Klarheit zu Compliance, Reporting, Custody,
    Risikomanagement und Haftung. Ohne klare Leitplanken ist „nichts tun“ oft die sicherste Option.
  • Institutionelle wollen Rechtssicherheit. Selbst bei Nachfrage zögern große Player, Integrationen ohne klare juristische Rahmenbedingungen zu skalieren —
    Fehler sind zu teuer.
  • Weniger Wachstumstreiber. Wenn „großes Geld“ langsamer einsteigt, bleibt der Markt stärker von Retail-Flows und Kurzfrist-Tradern abhängig —
    und diese Gruppen ziehen sich in Drawdowns schneller zurück.

Kurz: Unsicherheit verursacht nicht immer den Rückgang, kann aber die Erholung bremsen, weil frisches institutionelles Kapital langsamer nachkommt.

5) Gewinnmitnahmen: „Chips vom Tisch nehmen“ nach einer starken Rally

Die naheliegendste Erklärung sind Gewinnmitnahmen. Nach der Rally im Anschluss an die Wahl 2024 — befeuert unter anderem durch Trumps Versprechen,
die USA zur „Krypto-Hauptstadt der Welt“ zu machen — legte Bitcoin fast 80% zu. In solchen Phasen handeln viele Trader ähnlich:
sie verkaufen schrittweise, rotieren Gewinne in weniger volatile Anlagen und reduzieren Risiko.

Warum Gewinnmitnahmen wie ein „Krypto-Winter“ wirken können:

  • Psychologie rund um Allzeithochs. Nach Rekordständen reagiert der Markt empfindlicher auf negative Schlagzeilen, und viele sichern lieber Gewinne,
    statt sie wieder herzugeben.
  • Hebel-Kaskaden. Ist ein großer Teil des Marktes gehebelt, können Verkäufe Liquidationen auslösen und den Abwärtsdruck beschleunigen.
  • Rotation innerhalb von Krypto. In breiten Rückgängen wandert Kapital zwischen riskanteren Altcoins und liquideren Assets,
    was Schwankungen und Spreizung erhöht.

6) Vergleich mit früheren „Krypto-Wintern“: bislang kein einzelner großer Kollaps

Frühere Einbrüche hatten meist einen klaren Auslöser. 2018 verlor Bitcoin rund 80%, als die ICO-Blase platzte.
2022 wurde das Vertrauen durch den Kollaps von TerraUSD und Luna (etwa 40 Mrd. $)
erschüttert, gefolgt von einer Insolvenzserie, die im Zusammenbruch von FTX gipfelte.

Dieses Mal, so Experten, wird der aktuelle „Krypto-Winter“ bislang nicht von großen Insolvenzen oder Skandalen begleitet, die das Vertrauen in die Infrastruktur
direkt untergraben würden. Das ist wichtig, denn ein Vertrauensbruch machte frühere Erholungen langsamer und schmerzhafter.

Gleichzeitig sehen viele weiterhin langfristige Treiber:

  • Die Infrastruktur verbessert sich weiter — Services, Tools, Custody und Zugang werden vertrauter und zuverlässiger.
  • Stablecoins wachsen weiter und dienen als technologische Brücke zwischen Fiat und Krypto.
  • Institutionelles Interesse ist nicht verschwunden — es mag vorsichtiger sein, ist aber nicht weg.

Deshalb erwarten manche Analysten, dass diese Abkühlung schneller endet als frühere „Krypto-Winter“, wenn sie vor allem aus Flow-Umschichtungen,
Policy-Erwartungen und Gewinnmitnahmen besteht — und nicht aus einer systemischen Vertrauenskrise.

12.02.2026, 12:21
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